Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Wildnis

Flussläufe 20.06.2010

Als mir Sergey eine dicke, gefütterte, russische Polizeijacke in die Hand drückt, werde ich zuerst stutzig. Schließlich ist es Sommer und das Thermometer hat in den vergangenen Tagen die zwanzig Grad Marke des Öfteren deutlich übertreten. Als wir später auf dem offenen Motorboot sitzen und uns der eisige Fahrtwind um die Ohren bläst, bin ich mehr als dankbar über diese zusätzliche Wärmequelle. Unsere Fortbewegungsmittel sind zwei schlanke längliche Holzboote, mit wenig Tiefgang. Über weit ausholende Schleifen folgen wir über zwei Stunden dem Verlauf des Piejora Flusses.

Er ist der drittgrößte Strom im russischen Teil Europas dessen Wasser seine lange Reise im arktischen Ozean beendet. In der kleinen Ortschaft Kyrta nehmen wir Nikolay an Bord, einen Ranger, der für den Nationalpark arbeitet. Kyrta ist ein typisches Komi Dorf, bestehend aus Holzhäusern, die mit der Plattenbauweise sowietischer Einheitsbauten gar nicht vergleichbar sind. Alles wirkt recht baufällig. Strommasten sind umgeknickt, Häuser sind verlassen und alter Industrieschrott säumt das Flussufer. Heute leben hier nur noch vierzig Menschen. Die meisten haben deutlich mehr als sechzig Winter erlebt. Die Jungen sind in die Städte abgewandert. Seitdem die Kohlemine im Jahr 1957 geschlossen wurde und es für die Menschen keine berufliche Perspektive mehr gibt stirbt das Dorf langsam aus. Nikolay ist mit seiner Frau aus Weißrussland hier nach Komi gezogen, nachdem das Atomunglück von Tschernobyl seine Heimat verstrahlt hat. Neben Nikolay helfen uns Oleg und Alexey bei der Durchführung dieser Reise. Später kämpft sich unser Boot gegen die Strömung des Schugor Flusses. Seinen Verlauf wollen wir die kommenden Tage erkunden.

Wir passieren die Hütte eines Rangers der dafür sorgt, dass sich nur Boote ins Wildnisgebiet bewegen, die eine offizielle Erlaubnis besitzen. Danach folgen wir der Wasserstraße hinein in dieses riesige Naturgebiet. Schwere Wolken ziehen über den Himmel. Regen fällt glücklicherweise keiner. Außer unserer Kleidung und einer Plastikplane hätten wir auch keinen richtigen Schutz gegen das Wasser. Wäre dieses Gebiet touristisch erschlossen (wohl in jedem anderen Land in Europa eine Selbstverständlichkeit), so ließen sich vier „Attraktionen“ herausheben, die man während des Flusslaufes im flachen Land passiert. An insgesamt drei Stellen erheben sich interessante geologische Formationen, dessen Gestein die Kraft des Wassers im Laufe der Jahrmillionen durchbrochen hat. Diese zu beiden Seiten des Ufers aufragenden Felsen werden als Tore bezeichnet. Sie geben mir die Möglichkeit die ansonsten flache Landschaft ein wenig aus anderer Perspektive zu betrachten. Immer wenn wir anlanden und der Fahrtwind abflaut, kommt es nach wenigen Sekunden zu Begegnungen, die einen ansonsten wunderschönen Wildnisbesuch recht anstrengend machen. Es sind sofort dutzende Moskitos die um einen herumschwirren und gnadenlos nach der Lücke im Kleidungswerk suchen, wo sie ihren Stachel eintauchen können. Nach Regenfällen und an heißen Tagen scheinen sie besonders blutgierig und es fordert eine gewisse Disziplin, diese Gesellen zu ertragen. In der Woche auf dem Fluß habe ich eine komplette Flasche Moskitomittel auf meinem nicht gerade mit fülliger Haarpracht gesegnetem Kopf verteilt.

Bei jedem Spaziergang in den Wald, der unmittelbar nach dem Ufer beginnt, entdecke ich eine Vielzahl von Blumen und Pflanzen die im Moment in voller Blüte stehen. Wir haben genau die richtige Jahreszeit erwischt. Ein paar Wochen früher und hier wäre alles noch wintergrau gewesen. So ziehe ich mir des Öfteren Handschuhe über, stülpe ein Moskitonetz über den Kopf und tauche für lange Zeit hinunter auf die Ebene des Waldbodens, um diese Pracht zu fotografieren. Es ist ein ständiges Gesumme und Gewimmel um mich herum. Ich versuche es so gut es geht zu ignorieren. Das gelingt mir nicht immer, besonders wenn ständig Moskitos vor der Linse herumtanzen und so die Arbeit weiter erschweren. Ich freue mich über jeden Windhauch der die Moskitos für kurze Zeit in ihre Schranken weist. Dummerweise ist Wind genau das was man am wenigsten gebrauchen kann, wenn man mit dem Makroobjektiv auf einer Wiese liegt und versucht eine Blüte zu fotografieren. Na ja, wenn es einfach wäre, könnte es jeder…… Der Wald begeistert mich immer wieder aufs Neue. Es ist ein typischer nördlicher Mischwald bestehend aus Birken und Fichten.

Die Bäume sind nicht sonderlich groß, was dem rauhen Klima zu Schulden ist. Aber die Wälder sind alt. Das sieht man an den langen Flechten, die überall an den Zweigen herunterhängen. Ich sehe großflächige Flechtenarten, die mir bisher völlig unbekannt waren. Das massive Vorkommen dieser Vegetation ist immer auch ein Indikator für absolut reine Luft. Ich bin immer wieder begeistert über den Anblick des Himmels. An vielen Tagen ziehen gewaltige weiße Quellwolken über uns hinweg, die vor einem tiefblauen völlig dunstfreien Hintergrund stehen. Was für ein Licht. Immer wenn ich mich für längere Zeit in unberührter Natur bewege komme ich automatisch ins Grübeln. Durch den Kontrast zwischen der Schönheit und Reinheit der Natur auf der einen und der destruktiven Lebensweise von uns Menschen auf der anderen Seite, frage ich mich, wie wir als eigentlich vernunftbegabte Wesen die Verbindung zu unseren Ursprüngen so stark verlieren konnten. In Kanada pressen wir Öl aus Sand mit verheerenden Folgen für ganze Landstriche. In den USA sprengen wir Bergspitzen ganzer Gebirge weg, um die fossile Kohle erneut verbrennen zu können. Weltweit zerstören wir Tropenwälder – Schwerpunkte der Artenvielfalt, um dort Monokulturen zu pflanzen, die wenige Menschen sehr reich aber ganz Viele sehr arm machen. Wir durchpflügen unsere Meere mit hunderten Kilometer breiten Schleppnetzen und es scheint uns leidlich egal zu sein, dass in vier Jahrzehnten nichts mehr da sein wird, was wir ausbeuten können, wenn wir so weiter machen wie bisher. Wir experimentieren mit Chemikalien, dessen Gifte heute in den entlegensten Orten unseres Planeten im Organismus von Eisbären nachzuweisen sind. Kaum mehr als vier Prozent der Erde sind vom Menschen völlig unberührt. Weniger als zwei Prozent des Süßwassers sind bei uns noch völlig rein. Kein Ort der Welt scheint weit genug entfernt zu sein, um nicht ins Visier eines multinationalen Konzerns zu geraten. Unsere Gier nach immer mehr, lässt uns mit großer Geschwindigkeit den Ast auf dem wir sitzen durchsägen. Wir haben unsere Heimat durch unsere maßlose Art kurz vor den Kollaps gebracht. Schon heute verbrauchen wir wesentlich mehr an Rohstoffen, als der Planet in der Lage ist zu reproduzieren. Wir leben seit Mitte der achziger Jahre auf Kosten unserer Nachkommen. Da wir uns munter weiter vermehren und immer mehr Menschen (verständlicherweise) am falsch gepolten Wohlstand teilhaben wollen, sind wir dabei mit offenen Augen in die Katastrophe zu rennen.

Mit jeder Reise die ich mache, mit jedem Eindruck den ich das Privileg habe zu erleben, fällt es mir schwerer diese Unvernunft zu akzeptieren. Besonders in Momenten in denen sich mir die Perfektion der Schöpfung so präsentiert wie hier auf dem Schugor Fluß. Am intensivsten ist meine Nacht im Gebirge. Ich entdecke einen Berg von dem ich mir schöne Ausblicke erhoffe und lasse mich an dessen Fuße an Land bringen. Während der Rest der Gruppe das Lager in Flussnähe aufschlägt packe ich etwas zu Essen und meinen Schlafsack in den Rucksack und mache mich an den Aufstieg zum Gipfel. Es ist ein warmer Tag, die Kleidung klebt am Körper und die Moskitos umschwirren mich. Ich bin froh als ich oberhalb der Baumgrenze etwas Wind verspüre, der die Wanderung etwas erträglicher macht. An unübersichtlichen Stellen laufe ich immer laut pfeifend durchs Gelände. Die Chance einen Bären zu verschrecken ist zwar sehr gering, aber durchaus möglich. Da sollte man auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Immer wieder überquere ich Geröllfelder, die mit Teppichen aus Moosen und Flechten überzogen sind, in einer Fülle wie ich es bisher so nicht gesehen habe.

Der höchste Punkt des Bergzuges besteht aus einer skurrilen Formation gesplitterten höchst fotogenen Gesteins von wo man einen perfekten Rundblick auf die Berge des Urals und die tiefer gelegene Taiga hat, durch deren Wälder sich die vielen Wasserwege schlängeln. Auch wenn ich wenige Tage zuvor die Landschaft aus dem Hubschrauber gesehen habe ist es etwas ganz anderes auf einem Gipfel zu stehen und das Erlebte auch körperlich zu spüren. Ein wunderbares Gefühl. Unter mir schlängelt sich der Schugor zwischen zwei Bergen hindurch. Dahinter erstrecken sich Moore und Wälder weit über den Punkt hinaus an dem einem die Erdkrümmung den Blick verwehrt. Ganz langsam wandert die Abendsonne über den Horizont. Richtig verschwinden tut sie erst um kurz vor elf Uhr in der Nacht. Richtig dunkel wird es nicht. Wir haben Sommer. Es herrscht die „weiße Nacht“. Schon zweieinhalb Stunden später gegen halb Zwei wird die glühende Kugel wieder am Horizont auftauchen. Am Abend ziehen mehr Wolken auf als ich erwartet habe. Ich nutze das letzte Licht der Sonne zum Fotografieren und lege mich dann in meinen Schlafsack. Da ich dummerweise keinen Wecker dabei habe muss ich mich unbedingt wach halten, möchte ich den Sonnenaufgang nicht verschlafen. Ich sehe bedrohliche Wolkenberge, die sich im blauen Licht der Halbnacht über mir aufbauen. Glücklicherweise bleibt es trocken und der Osten ist weit weniger bewölkt als die restlichen Himmelsrichtungen. Nur eine dünne Wolkenschicht hindert die Sonne daran, beim Aufgang ihre volle Kraft zu entfalten. So taucht sie für einige Minuten die Landschaft in tiefes Rot was zu faszinierenden Aufnahmen führt.

Besonders die kleinen Organismen die überall auf dem Gestein wachsen bilden faszinierende Mikrowelten und interessante Motive. Irgendwann findet die Sonne auch eine Lücke in der Wolkenwand und lässt die endlose Weite von Europas größter geschützter Wildnis für wenige Augenblicke in goldenes Licht erstrahlen. In solchen Momenten empfinde ich nur noch große Demut vor der Vollkommenheit der Schöpfung und bin dankbar, dass ich diese Schönheit so intensiv erleben darf.

Ein Hauch von Wildnis 29.05.2010

Die Reise in die wilden Wälder Europas führt mich zu unseren Nachbarn nach Niederösterreich. Es ist die Zeit der Pfingstferien was mich in den Genuss bringt mit Familienanhang auf Entdeckungstour zu gehen. Meine Freundin Elfriede mit ihren zwei Kindern Sophie (11) und Felix (13) begleiten mich zum einzigen wirklichen Wildnisgebiet im deutschsprachigen Raum um den fast 1900 m hohen Gipfel des Dürrenstein Berges. Als wir in der Region ankommen sind wir von Anfang an beeindruckt wie dünn Besiedelt dieser Landstrich in den Ybbstaler Alpen ist. Ausgedehnte Wälder ziehen sich die Berghänge hinauf und die Dörfer haben in weiten Teilen ihren traditionellen Charakter erhalten. Besonders die Rothschildhäuser haben es uns angetan. Von der Familie Rothschild als Herrenhäuser und Forsthäuser gebaut kommt diese Bauform nur hier in den Tälern um die Wälder des Dürrenstein Massivs vor. Der Familie Rothschild haben wir es auch zu verdanken das sich auf fast 500 Hektar Fläche ein Mischwald erhalten hat, der seit der letzten Eiszeit keine Axt bzw. Säge mehr erblickte.

Aus heutiger Sicht eine wirkliche Sensation in einem Land, das seit Jahrhunderten intensive Forstwirtschaft betreibt. Albrecht Rothschild entschloss sich im Jahre 1875 in Sinne des Umweltschutzes das Gebiet als Primärwald für die Nachwelt zu erhalten. Heute ist der sogenannte Rothwald Teil der Kernzonen des Wildnisgebietes Dürrenstein. Menschen haben nur im Rahmen limitierter und geführter Touren Zutritt. Der Urwald selbst ist wegen seiner sensiblen Kreisläufe für Besucher gesperrt. Neugierige Entdecker werden aber wohl in erster Linie von der Unzugänglichkeit des Gebietes abgeschreckt. Im endlos erscheinenden Meer der Forstwälder ist der Urwald, sollte man seine Lage nicht genau kennen, fast unauffindbar. Wir haben das Glück, dank meines beruflichen Backgrounds, eine exklusive Führung in den Urwald mit dem zuständigen Ranger zu bekommen. Hans ist ein sehr sympathischer Mensch mit dem wir uns sofort blendend verstehen. Über holprige Forststraßen fahren wir durch die forstlich genutzten Wälder. Immer wieder sehen wir das Massiv des Dürrenstein über die Baumwipfel ragen. Als der Fahrweg endet laufen wir über einen schmalen Pfad ins Unterholz.

Obwohl die umliegenden Wälder zum Teil recht naturnah bewirtschaftet werden spüre ich sofort als wir die imaginäre Linie in den Primärwald überschreiten. Ich habe im Rahmen dieses Projektes in relativ kurzer Zeit viele Urwaldreste in Europa besucht. Trotzdem ist es jedes Mal wieder auf ein Neues ein intensives Erleben, durch einen Baumbestand zu laufen in dem sich die Natur nach ihren Regeln frei entwickeln kann. Schnell merken wir warum man dieses sensible Ökosystem unter Verschluss halten muss. Würden hier unkontrolliert viele Menschen über den Waldboden marschieren wäre ein Großteil der am Boden wachsenden Flora wie Pilze, Moose, Blumen und Farne gefährdet. Der Urwald ist einfach zu klein als das er einem großen Besucheransturm gewachsen wäre.

Besonders schön ist eine Stelle, an der ein riesiger alter Stamm einen Bach aufgestaut hat, über dem sich das Nass in einem kleinen Wasserfall weiter talwärts bewegt. Vergleicht man den Artenreichtum auf dem Waldboden im Urwald mit bei uns üblichen Nutzwäldern, so kann man sehr leicht erkennen wie schwer es viele Lebensformen haben sich im gängigen Forstwald durchzusetzen. Besonders jetzt im Frühjahr entdeckt man hier neu entstehendes Leben in allen Ecken, Ritzen und Mulden. Auch für die Kinder ist die Exkursion mit Hans dem Ranger sehr lehrreich. Sie bekommen die Besonderheiten eines Naturwaldes direkt vom Fachmann geschildert.

Nach diesem Erlebnis besteht im Familienrat Einigkeit das wir diese schöne Landschaft auch noch aus einer anderen Perspektive erleben wollen. Zwei Tage später planen wir eine Besteigung des Dürrensteins. In Gedanken stelle ich mir die Fotos vor die ich, einer Luftaufnahme ähnlich, von dort oben vom Urwald machen könnte. Mitten in der Nacht verlassen wir die Behaglichkeit der Betten und fahren im Schein des Vollmondes die Bergstraße hinauf zur Ybbstalhütte. Die Genehmigung vom örtlichen Förster ermöglicht uns auf halbe Höhe mit dem Auto zu fahren. Aus fotografischer Sicht ist es wichtig zum Sonnenaufgang kurz vor fünf Uhr auf dem Gipfel zu sein um das bestmögliche Licht zur Bildgestaltung zu nutzen. Nach starkem Regen am Vortag versprechen der klare Sternenhimmel und einige Restwolken großartige Stimmungen. Dass ich trotz frühzeitigem Aufstehen das beste Licht um eine knappe halbe Stunde verpasse ist schon fast zu peinlich um es hier aufzuschreiben. Doch Fehler passieren und die Folgen muss man akzeptieren. Ich fahre am Fuße des Berges aus Versehen in eine Abzweigung des Hauptweges die zwar Ausgeschildert war, sich aber wenige hundert Meter später als reiner Wanderweg entpuppt. Was für ein Bild müssen wir abgegeben haben als wir mitten in der Nacht, mitten im Nichts, mit unserem ungelenken Kastenwagen am Berghang stecken geblieben sind. In Millimeterarbeit haben wir dann das Auto wieder zurückgesetzt. Teilweise ging es zur einen Seite steil bergab so dass wir alle heilfroh waren als wir wieder am Ausgangspunkt ankamen. Diese ganze Aktion hat uns aber fast anderthalb Stunden gekostet. Obwohl ich beim Aufstieg die letzten Meter fast gerannt bin war an ein pünktliches Ankommen nicht mehr zu denken. Die Tour hinauf auf den Dürrenstein war trotzdem grandios. Die Blicke in alle Himmelsrichtungen bestätigen den Eindruck einer sehr naturreichen Region. Stolz tragen wir uns in Gipfelbuch ein und genießen die herrlichen Panoramen.

Man sieht unheimlich viel bewaldete Bergzüge, doch der Blick auf den Urwaldteil ist vom Gipfel aus durch einen Vorgelagerten weniger hohen Berg verstellt. Zusammen mit Felix beschließen wir unserer Wanderung ein echtes Outdoor Erlebnis anzuhängen. Wir steigen auf der Gegenseite des Dürrenstein über die sehr steilen Hänge hinab und laufen in einer Senke zu dem den Blick versperrenden Felsbrocken. Dabei ist es stellenweise so steil das ich mich nur vorantraue indem ich mich an Grasbüscheln festhalte die zum Glück immer wieder auf den Geröllfeldern wachsen.

Felix ist da wesentlich gelenkiger. Der Bursche besucht seit einiger Zeit einen Kletterkurs und weist mit seinen dreizehn Jahren eine Trittsicherheit auf die mich staunen lässt. Wir entdecken eine kleine Höhle von deren Wänden Wasser auf den Boden tropft. Eine gute Gelegenheit die Trinkflaschen aufzufüllen. Es ist fast Mittagszeit und die Sonne entfaltet eine starke Kraft. Man merkt heute zum ersten Mal das der Sommer vor der Türe steht. Als wir nach einem erneuten sehr steilen Aufstieg am Grad des Berges ankommen werden wir für unsere Mühen belohnt. Der Rothwald breitet sich vor uns aus und ich kann meine erhofften Bilder machen.

Das frische grün der Buchen und der dunkle Teint der Tannen und Fichten geben schöne Kontraste. Dazwischen sehen wir auch immer wieder tote Stämme stehen, ein sicheres Indiz für einen Naturwald. Vor allem aber sehen wir die Unterschiede zu den Forstwäldern die den Urwald unmittelbar umgeben. Auch hier gibt es große Unterschiede. Während die Menge naturnaher Mischwälder erfreulich groß ist, erkennen wir auch immer wieder Fischten Monokulturen. Diese sind nicht selten von Borkenkäfernestern befallen, eine Problematik auf die ich im meinem letzten Bericht über den bayrischen Wald ausführlich eingegangen bin. Während ich fotografiere erkundet Felix den Bergzug und berichtet mir von über achtzig Gemsen die er entdeckt hat. Doch die Kraft auch noch auf Gemsensafari zu gehen reicht nicht aus. Ich muss noch die Ausrüstung und meinen alten Körper über den Gipfel des Dürrensteins zurück zum Auto schleppen. Die Kräfte wollen eingeteilt sein, denn sie sind nicht endlos. Am kommenden Tag war der männliche Teil unserer Gemeinschaft zwar hochzufrieden, aber ungemein still und träge. Es fühlte sich noch lange Zeit an als würden alle Muskeln katern. Herrlich.

Der Höllenbach ist wunderschön 21.05.2010

Auf Einladung der Parkverwaltung „Bayrischer Wald“ bin ich in Deutschlands ältesten Nationalpark gefahren. Zum 40- jährigen Jubiläum wurden einige Kollegen und ich zum viertägigen fotografischen Rundgang geladen. Die aktuelle Situation dieser Waldlandschaft an der Landesgrenze zur tschechischen Republik sollte mit schönen Bildern dargestellt werden.

Immerhin bildet der Bayrische Wald zusammen mit dem Nationalpark Böhmerwald auf der tschechischen Seite die größte zusammenhängende Waldfläche Mitteleuropas. Ich bin dieser Einladung gerne gefolgt, passt sie doch perfekt in mein aktuelles Projekt über „Europas wilde Wälder“. Die Nationalparks-Idee entstand in den USA, wo mit dem Yellowstone Park das erste großflächige Schutzgebiet der Erde eingerichtet wurde. Heute gibt es weltweit tausende solcher Parks, die die Vielfalt des Lebens auf der Erde schützen sollen. Oftmals sieht die Situation auf dem Papier wesentlich besser aus als die Realität vor Ort. Unzählige Male habe ich selbst erlebt, wie Missmanagement, Korruption und mangelnde Überwachung den Grundgedanken der Nationalparks ad absurdum geführt haben, auch bei uns in Europa.

Über ein unfähiges Management kann sich der Nationalpark Bayrischer Wald nicht beklagen. Viele Mitarbeiter generieren sich aus den Leuten, die früher in den Wäldern als Förster gearbeitet haben. Wenn man bei uns in Deutschland Natur schützen will besteht die Hauptschwierigkeit darin, dass jeder Winkel im Land irgendwie und von irgendjemanden genutzt wurde und wird. Als vor 40 Jahren das Waldgebiet zwischen den Gipfeln des Rachel und des Lusens aus der Nutzung genommen wurde, war dies insofern machbar, als dass es sich dabei um Staatswald gehandelt hatte und keine privaten Waldbauern entschädigt werden mussten. Ein weitaus größeres Problem bei solchen „zurück zur Natur“ oder „Wildnis wagen“ Prozessen sind oftmals die Ängste der Bevölkerung.

Die Geschichte des Bayrischen Waldes ist da geradezu ein Paradebeispiel und dauert bis heute an. Was sich hier abspielt kann wie eine Schablone auf alle zukünftigen Abläufe im Naturschutz genutzt werden. Durch die sich abzeichnende Klimaerwärmung stehen wir gerade am Anfang einer Entwicklung die sehr tiefgreifend sein wird. Man wird sich in Zukunft fragen, warum man die Zeichen der Zeit nicht schon früher erkannt und alte Denkmuster und Gewohnheiten viel schneller verworfen hat. Der bayrische Wald ist ein riesiges Freiluftlabor, ein Blick in die Zukunft, ein Ängste verbreitendes Ungetüm oder, je nach Blickwinkel, ein wirklich großer Hoffnungsschimmer. Dazu aber später mehr.

Zuerst fahre ich in den nördlichen, jüngeren Teil des Nationalparks. In der Nähe des Falkenstein Gipfels gibt es eine kleine Schlucht. Diese ermöglicht Einblicke wie es in bayrischen Wäldern aussehen könnte, hätte der Mensch die Natur nicht zur Nutzung massiv verändert. Zusammen mit einem Kollegen laufe ich von oben kommend dem kleinen Pfad entlang des Höllbachs. Im weiteren Verlauf fällt dieser Wasserlauf in mehreren Kaskaden die Felsen hinab. Das „Höllbachgespreng“ erweißt sich für mich als absoluten fotografischen Glücksfall.

Hier entstehen Motive vom Wald, wie man ihn sich früher bei der Lektüre alter Märchenbücher vorgestellt hat. Der Boden ist übersät mit felsigem Granit. Überall wachsen Moose und die gelben Knospen der Sumpfdotterblumen setzen frühlingshafte Akzente. Ein Ort, an dem Kobolde und Gnome wohnen „müssen“. Selten habe ich ein so fotogenes Fleckchen Natur erlebt wie hier im Bayernwald. Jahrhunderte alte Fichten recken ihre Wurzeln über Granitblöcke und ihre toten Artgenossen versorgen die kommenden Baumgenerationen in ihrem Verwitterungsprozess mit Nährstoffen. Wir haben Glück, fast den ganzen Tag filtert eine geschlossene Wolkendecke das harte Sonnenlicht und bietet ideale Arbeitsbedingungen.

Wie ein kleiner Junge klettere ich über Wurzeln, erkunde kleine Höhlen, und entdecke auch im Detail immer wieder Neues und Schönes. Durch die zeitlich aufwendige Fotografie vergeht der Tag wie im Flug und man vergisst dabei fast wie winzig dieses wunderbare Kleinod doch ist. Besser hätte der Aufenthalt im Nationalpark nicht beginnen können.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

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