Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Zwergflamingos

Savanne Teil 3: Vogelparadies 05.06.2012

Ich stehe bis knapp unter dem Knie im warmen Wasser des Natron Sees. Der weiche Schlick des Bodens umschmeichelt meine Füße und die virtuellen Eindrücke die ich während meiner fotografischen Arbeit zu verarbeiten versuche können kaum intensiver sein. Bis zu zweieinhalb Millionen Zwergflamingos haben hier an diesem stark alkalischen Gewässer ihren Brutplatz. Auch wenn ich gar nicht in der Lage bin diese pure Masse an Leben zu überschauen so sind die Abläufe innerhalb meines Blickfeldes schon atemberaubend genug. Noch vor Anbruch des Tages habe ich mich aufgemacht, in den an vielen Stellen extrem flachen See, hineinzulaufen. Der Schlick ist furchtbar glitschig, so dass ich mein Stativ zur Hilfe nehmen muss um nicht immer wieder darauf auszurutschen. Eingehüllt in weiches Licht des anbrechenden Tages, weiß ich manchmal gar nicht in welche Richtung ich meine Kamera schwenken soll, so vielseitig sind die Motive die sich mir bieten.

Immer wieder erheben sich wie auf Kommando, tausende rosa gefärbter Flamingos und bilden eine Wand aus Gefieder in der Luft. Vor der Kulisse des am Horizont aufragenden Vulkanes „Oldoinyo Lengai“ und der Abbruchkante des afrikanischen Grabenbruchs ziehen sie dann über den Himmel, um sich an einer anderen Stelle des großen Sees wieder niederzulassen. Da kommt auch ein abgebrühter Naturfreund in Staunen. Doch auch andere Vogelarten finden in Form von Milliarden kleinster Salinenkrebse ausreichend Nahrung im brackigen abflusslosen Wasser dieses Naturwunders.

Ich beobachte eine große Gruppe Pelikane wie sie etwas abseits der Flamingos nahe einer Seegraswiese stehen. Als sich diese schönen Tiere mit ihren ausladenden Schnäbeln zu bewegen beginnen, sieht es zunächst etwas unbeholfen aus. Sobald sie jedoch in der Luft sind, gleiten auch diese Vögel elegant über den Horizont.

Schon bei meiner ersten Reise vor über fünfzehn Jahren war der Besuch des Flamingo Sees ein absoluter Höhepunkt für mich – emotionaler wie fotografischer Art. Daran hat sich nichts geändert, im Gegenteil. Vielleicht bin ich heute sogar noch einen Tick demütiger, weil ich immer noch das Glück habe, diese Art von Eindrücken innerhalb meines Berufes erleben zu dürfen. Was die Sache zweifellos noch grandioser Macht ist die Evolution meiner Fotoausrüstung. Nach über zwanzig Jahren als Naturfotograf habe ich mir nun endlich einen lang gehegten Traum erfüllt und ein 600mm Objektiv erstanden. In einer Region wie dieser ist so ein Riesending das beste Geschenk das man sich selbst machen kann. Viele der während meiner Afrikareise entstanden Tierbilder belegen dies auf eindrucksvolle Weise.

Was sich in mir zum Vergleich meiner früheren Reisen sehr stark geändert hat ist die Wahrnehmung auf die Realitäten der uns umgebenden Umwelt. Ich habe heute reichlich Informationsquellen durch Greenpeace und anderer Organisationen die mich täglich mit Nachrichten zu ökologischen Themen, z.B. über den Weg sozialer Netzwerke wie Facebook, füttern. Diese machen das Leben nicht gerade sorgenfreier. Sie sind für mich aber eine wichtige Säule mir bei der Bildung meiner Weltanschauung zu helfen und meine Erlebnisse beim Unterwegs sein besser bewerten zu können.

Als wir später unsere Reise über eine Schotterpiste in Richtung des Nordeingangs zur Serengeti fortsetzen erklimmen wir die Hochebene des Grabenbruchs. Der Blick fällt zurück auf eine bis zum Horizont reichende Wasserfläche die so vielen Lebensformen Heimat und Nahrung bietet. Mir schaudert bei dem Gedanken, dass für den See Pläne zum Bau einer riesigen Industrieanlage existieren, welche die hier vorhandene Soda Asche abbauen soll. Man behauptet, dass diese Eingriffe keine großen Auswirkungen auf die Tierwelt haben werden. Belegt wird das mit der Feststellung, dass auch an anderen Seen in Ostafrika Flamingos und Industrie Seite an Seite existieren. Unterschlagen wird dabei die Tatsache das die Flamingos zwar je nach Jahreszeit zwischen den Seen hin und herwechseln, sie aber nur ein einziges Brutgebiet haben, nämlich den Natronsee. Diese Industrieansiedlung würde nicht nur eines der letzten wirklich wilden Flecken Ostafrikas seiner Ursprünglichkeit berauben, sie wäre auch der Mitauslöser für ein weiteres großes Verbrechen an Natur, Tieren und den hier lebenden Menschen. Nämlich dem sogenannten „Serengeti Highway“. Um den steigenden Warenfluss aus Nordtansania schneller zu den Häfen des Victoriasees transportieren zu können, plant die Regierung Tansanias eine geteerte Straße von Arusha vorbei am Natronsee und durch die Serengeti. Was dies für aberwitzige Auswirkungen hätte, wenn man Lastwagen durch den berühmtesten Nationalpark der Welt mit seinen großen Tierwanderungen fahren ließe, darauf komme ich im nächsten Kapitel meines Blogs zu sprechen. Richten wir den Focus nochmals auf den Natronsee.

Die kleine unscheinbare Schotterpiste führt direkt zwischen den Ufern des Sees und der Erhebung des Grabenbruches entlang. Der Weg ist so holprig das man an manchen Stellen fast schneller wäre, würde man nebenher laufen. Dies macht einen Großteil des Reizes aus hier mit dem Jeep unterwegs zu sein. Eine Piste dieser Art stört vor allem die hier lebende Tierwelt nicht. Doch genau dieser Weg soll nun geteert werden damit große Trucks die hier abgebaute Soda Asche abtransportieren können. Dem See drohen in der Zukunft genügend Gefahren, auch ohne Industriebetrieb. Fortschreitende Waldzerstörung durch steigenden Siedlungsdruck in der Mau Bergregion auf kenianischer Seite, macht der Natur schwer zu schaffen. Denn diese ist das Quellgebiet zahlreicher Flüsse, die neben der Serengeti auch den Natron See mit Wasser versorgen. Durch die Rohdung des Mau Waldes, kommt es in Kenia zu immer längeren Dürreperioden. Die kühle Luft, die aus dem Wald aufsteigt, prallt normalerweise mit den warmen, vom Victoriasee kommenden Luftmassen zusammen. Dadurch bilden sich regelmäßige Regenfälle. Die radikale Abholzung führt zu weniger Bäumen, weniger kühler Luft und dadurch zu insgesamt weniger Regen. Der Wald hat heute bereits ein Drittel seines ursprünglichen Baumbestandes verloren. Weite Teile Afrikas leiden sowieso schon sehr stark unter der globalen Erwärmung, sei es durch vermehrte Dürre oder auch Überschwemmungen. Diese werden durch lokale Brennpunkte wie das Problem des Mau Waldes massiv verstärkt. Mit Auswirkungen, die für ganze Landstriche verheerende Folgen haben können.

Warum vergessen wir Menschen immer, dass die Natur in Kreisläufen funktioniert. Ein gefällter Baum in einem weit entfernten Wald kann auf lange Sicht einem Flamingobaby die Lebensgrundlage entziehen. Deshalb muss es uns heutzutage auch interessieren, wenn in China der sprichwörtliche Sack Reis umfällt. Denn in einer globalisierten Welt rücken wir durch unser Handeln alle näher zusammen – im Positiven wie im Negativen.

Als wir den Natron See endgültig im Rückspiegel des Jeeps aus den Augen verlieren bemächtigt sich Meiner ein letzter Gedanke zu diesem Thema. Nämlich das ich davor Angst habe mir Vorzustellen, wie es wohl bei einer weiteren Reise in fünfzehn Jahren hier am afrikanischen Grabenbruch zwischen Götterberg und Flamingoparadies aussehen wird. Ob dann mein heute sechsjähriger Sohn auch noch in der Lage wäre dieses Wunder des Lebens in seiner Ursprünglichkeit zu bestaunen? Vieles spricht, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt dagegen. Diese Tatsache macht mich sehr traurig.

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