Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Finnland

Adleraugen 13.03.2010

Wehmütig nehme ich Abschied vom finnischen Winter. Nach der erfolgreichen Begegnung mit dem Bartkauz habe ich mich die vergangenen Tage intensiv mit der Fotografie von Steinadlern beschäftigt. Adler sind imposante Tiere, ihre Flügelspannweite kann bis zu 2,30 Meter betragen. Wobei die ausgewachsenen Weibchen in der Regel etwas größer sind als ihre männlichen Artgenossen.

Steinadler  2816

Bei uns in Deutschland haben die Steinadler nur in den Bergregionen der Alpen überlebt. Sie galten über Jahrhunderte als Fressfeinde von Nutztieren und wurden gnadenlos gejagt. Sie sind keine reinen Waldbewohner. Die Vögel bauen ihren Horst nicht nur in die Wipfel alter Bäume sondern auch gerne unter Felsüberhänge, was ihnen bei uns das Überleben ermöglicht hat. Weltweit schätzt man die Anzahl der Steinadler auf 250.000 Tiere. Deshalb ist die Art auch als „nicht gefährdet“ eingestuft. Die Aufgabe war in vielerlei Hinsicht aufregend. Lassi Rautiainen hat vor zehn Jahren auf einer Anhöhe ein Fotoversteck eingerichtet, das sich in der Nähe eines Nistplatzes befindet. Blickt man von hier nach Süden, sieht man die Schlucht des Oulanka Nationalparks. Sieben mal bin ich früh morgens den Pfad durch den Wald marschiert. Schneeschuhe verhindern das knietiefe Einsinken im weichen Pulverschnee. Der Anstieg ist mit all der Fotoausrüstung auf dem Rücken trotzdem ein kerniger Frühsport. Ich passiere einen alten Baumbestand, der zumindest in den ersten Tagen, noch mit viel Schnee bedeckt ist.

Als ich die Schutzhütte erreiche setze ich zuerst die kleine Ölheizung in Gang, was die folgende stundenlange Warterei gemütlich und erträglich macht. Danach befreie ich die vermeintliche „Jagdbeute“ der Tiere vom Schnee welchen ich am Vorabend aufgeschüttet habe. Die Adler sollen schließlich dann fressen wenn die Kamera einsatzbereit ist, und nicht eine halbe Stunde vor meiner Ankunft. Natürlich ist die Bereitstellung einer Nahrungsquelle Voraussetzung für ein erfolgreiches Foto. Kein Adler würde sich sonst vor die Kamera bewegen. Die ersten vier Tage ist mein Lockmittel ein großer weißer Hase dem eine Straßenüberquerung zum Verhängnis wurde. Später lege ich Schweinestücke in den Schnee. Währen der Hase als natürliche Beute des Adlers offen ins Bild passt verstecke ich die tote Sau hinter einer Schneewehe. Mit der Axt hacke ich jeden Morgen kleine Kerben in den gefrorenen Körper. Dies erleichtert dem Adler die Nahrungsaufnahme. Dann richte ich die Kamera aus. Hier beginnen nun ungeahnte Schwierigkeiten. Denn es ist wirklich richtig anspruchsvoll hochwertige Fotos von Adlern zu machen. Auf jeden Fall sollte der Vogel auf irgendeine Art seine imposanten Flügel ausgebreitet haben. Sitzt er erst mal auf der Beute sieht er nicht sehr viel spannender aus als ein großes Huhn. Während des eigentlichen Fressvorganges passiert in der Regel wenig und die Bildmöglichkeiten sind schnell erschöpft. Es gilt ihn im Anflug zu erwischen wenn er über seine Beute herfällt. In diesen Momenten streckt er seine Krallen vor und die Flügel sind majestätisch erhoben.

Das sind allenfalls Sekunden die einem zur Verfügung stehen. Wer glaubt die Kamera von Hand mitziehen zu können, den Anflug des Alders zu verfolgen und immer den Schärfepunkt zu erwischen, wird in den allermeisten Fällen tief frustriert in den Feierabend ziehen. Ich könnte diesen Blog ganz locker mit Bildern von tollen Adlerpositionen füllen, in denen das Tier komplett unscharf ist. Beim Gedanken an den einen oder anderen Fehler habe ich immer noch Bauchweh. Meist habe ich die Schärfe manuell auf einen Fixpunkt gestellt, an der ich den Adler im Anflug vermutete. In solch einer Situation bin ich an die Grenzen meiner Nikon D3x gestoßen. Die macht zwar mit 24 Megapixeln tolle und vor allem große Fotos, ist aber aufgrund der hohen Datenmenge nicht die schnellste Kamera. Ich habe mir von Lassi eine Nikon D3 geliehen. Die hat zwar nur halb so viele Pixel, macht aber mehr als 5 Bilder pro Sekunde. In meiner Aufnahmesituation kann dies erfolgsentscheidend sein. Meist kam das Adlerpärchen am frühen Nachmittag. Mal fraßen sie Beide, mal nur Einer von Ihnen. Mal kamen sie am Morgen, mal kamen sie gar nicht. Meist saßen sie vorher stundenlang auf einem Baum rechts von mir, bevor sie hinab flogen. Manchmal flogen sie aber auch nach Links und stießen schon nach wenigen Sekunden auf die Beute herab. Immer wenn ich dachte jede Situation schon erlebt zu haben, passierte wieder was Neues und die Chance die Aufnahme zu versieben war groß. An zwei Tagen habe ich erlebt wie ein dritter Adler ins Revier des Pärchens eingedrungen ist. Adler dulden keine Artgenossen in ihrem Gebiet. Der mir sehr willkommene neue Motivgeber wurde schnell wieder vertrieben. Am dichtesten dran am „Superfoto“ war ich eines sonnigen Morgens. Eine Elster begann den fressenden Adler zu ärgern, indem sie immer wieder um ihn herum hüpfte. An der Beute konnte er kein Interesse haben, denn der kleinere Vogel war schon lange vor der Ankunft des Adlers vor Ort. Immer wieder sprang er in Richtung des größeren Verwandten. Ich habe die komplette Sequenz, wie der König der Lüfte den kleinen Ganoven vertrieben hat, mit der Kamera festgehalten.

Leider ist das Tier mit voll ausgebreiteten Schwingen um so vieles Größer, dass die Flügel auf den dramatischsten Bildern angeschnitten wurden. Das Ganze spielte sich in Sekundenbruchteilen ab, ein manuelles Verschieben des Bildausschnittes wäre unmöglich gewesen. Ein Fotograf der sich auf Tierfotos spezialisiert hat, hätte die Situation wahrscheinlich vorausgeahnt. So bleibt mir mal wieder der Trost mit jeder Situation dazuzulernen. Die sprichwörtlichen Adleraugen haben mir in der wohl besten Situation einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein einziges Mal in den sieben Tagen ist der Adler von gegenüber genau auf mich zugeflogen. Ich hatte alles perfekt geplant. Die Schärfe war einen halben Meter vor der Beute im „Landemoment“ fixiert. Das Tier wäre formatfüllend mit perfekter Haltung über der Beute gelandet. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon sechs Stunden des Wartens hinter mir, und war so angespannt und fixiert den entscheidenden Moment nicht zu verpassen, dass ich zu früh begonnen habe auf den Auslöser zu drücken. Das Tier war noch weit außerhalb meines Schärfebereiches und hat die Bewegung der Blende gesehen. Während des Fluges nehmen die Tiere noch alles wahr, erst bei der Landung konzentrieren sie sich auf die Beute. So ist der Adler nicht gelandet sondern links aus dem Bildausschnitt geflogen. In diesem Moment hätte ich vor Wut auf mich, laut aufschreien können. Ganz nah dran, und doch versagt. So bin ich nun mit schwerem Herzen nach Hause gefahren. Wenn man sich so intensiv mit einer Sache beschäftigt, hat man natürlich den Anspruch das bestmögliche Bild zu erstellen, das einem möglich erscheint. Dies ist mir definitiv nicht gelungen. Trotzdem sind schöne Fotos entstanden, die das neue Projekt bereichern. Ich habe bei Lassi viel gelernt und nehme gerne weitere Begegnungen mit der Tierwelt in meinen Arbeitsbereich auf.

Jäger und Gejagte 03.03.2010

Seit fünf Tagen fällt ununterbrochen Schnee auf die Erde. Die Bäume krümmen sich unter dem Gewicht der weißen Pracht. Die Tiere des Waldes durchleben schwere Zeiten. Ihre Nahrung ist oft unerreichbar unter einer meterdicken Schneeschicht verborgen. Am dritten Tag in Finnland wird ein fotografischer Traum für mich war. Der harte Winter treibt eine der faszinierendsten Wildtiere aus den tiefen der Wälder in die Nähe von menschlichen Ansiedlungen. Wie ein Lauffeuer hat es sich unter Finnlands Naturfotografen herumgesprochen, dass eine große Graueule, auch Bartkauz genannt, nahe einer Farm gesichtet worden ist. Ich bin zu Gast bei Lassi Rautiainen um Adler in seinen Fotoverstecken zu fotografieren. Natürlich hat auch Lassi von der Eule gehört und so komme ich in den Genuss eines ganz besonderen fotografischen Abenteuers.

Bartkauz  1198

Die Eule sitzt nahe eines aufgegebenen Farmhauses auf einem Baum, als wir als Erste das Gelände erreichen. Mit weit geöffneten Augen blickt sie über die geschlossene Schneedecke. Bartkauze fressen Mäuse. Doch diese dringen in diesen Tagen nur sehr selten an die Oberfläche. Die Tiere haben Hunger. Wohl auch deswegen lassen sie sich bei ihrer Suche nach Nahrung kaum durch uns Besucher stören. Ich bin wirklich begeistert von der Schönheit dieses Tieres. Es sieht beeindruckend aus, wenn sie in Sekundenbruchteilen ihren Kopf nach hinten drehen, ohne dass der Rest des Körpers sich bewegt.

Bartkauz  1200

Die Augen der Eule sind recht klein, doch durch ihre markanten Gefiederkreise um die Augen wirken sie riesengroß. Keine Bewegung scheint ihr zu entgehen. Ich stehe mit Lassi knapp 20 Meter vom Bartkauz entfernt als sich dieser plötzlich abstößt und direkt neben uns vorbeischießt. Die Maus, die neben uns die frische Luft genießen wollte, hat keine Chance. Präzise greifen die Klauen nach dem kleinen Nager. Sekunden später ist die Eule im Wald verschwunden. Hier zeigt sich nun die ganze Klasse eines Lassi Rautiainen, der seit über dreißig Jahren in diesen Wäldern Tiere fotografiert. Ich war so überrumpelt, dass ich kaum meine Kamera nachziehen geschweige denn auf die Eule Scharfstellen konnte. Lassi hat mit einem kompakten Objektiv ohne Stativ den ganzen Vorgang mit einer Salve Auslöser festgehalten. Knallscharfe Bilder zeigen die letzten Sekundenbruchteile im Leben einer Maus. Mit solchen Wahnsinnsbildern gewinnt man Wettbewerbe. Ich tröste mich damit, dass ich an diesem Tag eine ganze Menge lerne. Es ist entscheidend die Gestik der Tiere zu kennen und ihre Aktionen zu erahnen. Dabei muss man nicht selten seine Konzentration über lange Zeiträume aufrecht halten. Alles verdichtet sich auf wenige Augenblicke, wer die verpennt, der hat verloren. Inzwischen sind auch andere Fotografen eingetroffen und viele tausend Euro Fotomaterial ist auf das Tier gerichtet, das nach einem Mahl wieder zum Vorschein kommt.

Bartkauz  1199

Den ganzen Tag verfolgen wir das Tier dabei, wie es versucht, seinen Hunger zu stillen. Mir gelingen schöne Portraits der Eule, eingebettet in einen herrlich verschneiten Wald. Doch die Königsklasse sind Bilder von Tieren in Bewegung. Besonders bei den Eulen kommt die wahre Schönheit des Gefieders erst zur Geltung wenn sie ihre Flügel ausbreiten. Am nächsten Tag sollte ich eine weitere Chance bekommen. Dreizehn Fotografen freuen sich auf einen Besuch bei einem alten Ehepaar, auf dessen Veranda eine Eule sitzt und darauf wartet, dass sich die Mäuse aus dem Keller an die Oberfläche wagen. Soviel Aufmerksamkeit ist dann doch auch dieser von Hunger geplagten Kreatur zu viel. Sie fliegt zum nahegelegenen Waldrand und positioniert sich perfekt vor einer verschneiten Freifläche. Was nun passiert ist wirklich Adrenalin pur für jeden Naturfotografen.

Bartkauz  1201

Mit einem genialen Trick bringen meine Finnischen Kollegen den Bartkauz dazu, das eine oder andere Mal über die Freifläche zu fliegen. Das Tier stillt dabei seinen Hunger und wir Fotografen haben nun mit der richtigen Wahl des Standpunktes und der perfekten Beherrschung unserer Geräte die Möglichkeit zum Volltreffer.

Bartkauz  1202

Da auch Zauberer ihre Tricks nicht verraten, werde ich über den genauen Ablauf der Aktion den Mantel des Schweigens hüllen. Das war wieder eines jener tollen Erlebnisse, die einen vergessen machen, dass man acht Stunden am Stück im Schneetreiben steht, sich bis zur Erschöpfung durch den Tiefschnee kämpft und viele Male einfach kein Glück hat. Ich freue mich auf die Tage die vor mir liegen.

Kleine Siege und ein dummer Fehler 20.11.2009

Ich bin auf dem Rückweg zur Vortragstour nach Deutschland und überlege ob es sich gelohnt hat, im November nach Finnland zu reisen. Definitiv habe ich nicht die Fotos, die ich mir im besten Fall gewünscht habe. Der beste Fall tritt aber praktisch nie ein. Ich habe dafür einige andere schöne Motive vor die Kamera bekommen und bin deshalb im Großen und Ganzen recht zufrieden. Außerdem habe ich mal wieder eine ganze Menge gelernt. Vor drei Tagen bin ich mit Olli von Kusamo ungefähr 100 km durch das südliche Lappland nach Westen gefahren. Es war noch dunkel als wir das Naturschutzgebiet Korouoma erreicht haben. Ungefähr eine halbe Stunde sind wir auf alten Rentierpfaden durch den Wald marschiert. Olli erzählt mir, dass die Tiere diese Wege schon seit Jahrhunderten nutzen. Einmal sehen wir auch in der Ferne eines durch Unterholz huschen. Viele der Tiere haben Glocken um, damit sie von ihren Züchtern besser gefunden werden können. In der Realität darf sich nur eine Minderheit der Tiere frei im Wald bewegen. Viele werden eingezäunt gehalten und mit künstlichem Futter ernährt. Laut Olli sind es im Raum Kusamo nur noch fünf Familien die wirklich von der Rentierzucht leben. Die restlichen Züchter betreiben es als Hobby. Es gibt insgesamt zu viele Rentiere in den Wäldern, was den natürlichen Kreislauf des Ökosystems durcheinander bringt. Ich erfahre von Olli, dass erst kürzlich drei Wölfe von aufgebrachten Züchtern erschossen wurden, weil sie hunderte von Rentieren gerissen haben. Das ist sehr traurig. Der Mensch bringt die natürlichen Abläufe aus dem Gleichgewicht und lässt dann diejenigen büßen, die sich diesen Gegebenheiten nicht anpassen können. Wir sind wirklich die Krönung der Schöpfung. Im ersten Dämmerlicht erreichen wir das Fotoversteck. Es liegt direkt an der Abbruchkante oberhalb eines tiefen Canyons. Unter uns breitet sich eine schöne Flusslandschaft aus. Die Hänge sind zum Teil bewaldet und an den Felsvorsprüngen mit dicken Eiswänden überzogen. Das Fotoversteck wurde von einem Freund Lassis gebaut, um Schwarzspechte zu fotografieren.

Korouoma Nov- 2009  4856

Aber auch ein Adler soll sich hier in unmittelbarer Nähe neben dem Unterstand blicken lassen. Grund dafür ist der Leichnam eines Waschbären, der keine sechs Meter neben dem Fotoversteck auf einem Stein liegt. Das Gelände ist nur zur Schlucht hin offen. Rechts und links stehen dichte Baumreihen. Olli und ich können schwer glauben, dass sich das Tier so nahe an den Unterstand trauen soll. Wenn man ein Fotoversteck betritt muss man zuerst entscheiden in welche Richtung man welches Objektiv richtet. Sind größere Tiere wie der Adler erst angekommen ist ein Tausch unmöglich. Ich entscheide mich mein 200-400 mm Zoom Objektiv nach vorne zur Schlucht hin zu richten, um die kleineren Vögel flexibel ablichten zu können. Das 500mm zeigt Format füllend auf den toten Waschbär, rechts von uns. Ein größerer Bildausschnitt ist sowieso nicht sinnvoll, da ein großer Baum das Bildfeld stark einschränkt. Es macht Spaß mit Olli auf die Vögel zu warten. Lange bleiben wir auch nicht allein.

Korouoma Nov- 2009  4854

Neu für mich sind die Haubenmeisen, die neben den Buntspechten und den Unglückshähern eigentlich den ganzen Tag um den Unterstand flattern und die ausgelegten Nüsse und Fettstreifen essen. Alle zwei Stunden kommt dann tatsächlich ein Schwarzspecht vorbei. Er ist viel größer als sein bunter Kollege. Wäre da nicht die feuerrote Kopfhaube könnte man ihn flüchtig mit einem Raben verwechseln. Gegen Mittag ist es wiederum ein Eichhörnchen, das uns die Zeit vertreibt.

Korouoma Nov- 2009  4855

Der Himmel bleibt den ganzen Tag bedeckt. Farben kommen nur im Gefieder der Vögel vor und im Grün und Braun unmittelbar um uns wachsender Bäume. Die Schlucht bleibt eine Masse aus hellen und dunklen Grautönen. Olli erzählt mir, dass vor vielen Jahren dieser Fluss, der sich so friedlich unter uns durch sein Bett schlängelt, aufgestaut wurde, um große Baumstämme aus dem Wald in die Sägewerke zu treiben. Das war noch vor der Zeit der Lastwagen. Bevor Finnland mit einem Netz aus hunderttausenden Kilometer Forststraßen überzogen wurde, um auch den letzten Winkel des Waldes zu kommerzialisieren. Zumindest hier in dieser Schlucht hat die Natur heutzutage ihre Ruhe. Stunde um Stunde vergeht. Da es ab halb Drei am Nachmittag schon wieder zu dunkel ist um gute Bilder zu machen, glaubt von uns um kurz vor Zwei keiner mehr an die Mär vom nahenden Adler. Bis er plötzlich aus dem Nichts einfach da ist. Direkt auf dem Waschbären steht er und schaut aufmerksam in die Runde.

Korouoma Nov- 2009  4853

Olli gibt mir ein Zeichen, nun absolut still und bewegungslos zu verharren. Jeder noch so kleine Mucks könnte ihn sofort wieder verjagen. Es ist ein Steinadler. Nach zwei Minuten scheint sein Misstrauen etwas nachzulassen und der Hunger gewinnt die Oberhand. Er beginnt mit kräftigen Bissen, Fleischstücke aus seiner Beute zu reißen. Ich beginne vorsichtig auf den Auslöser zu drücken. Viele Möglichkeiten zur Bildgestaltung habe ich nicht. Ich konzentriere mich darauf, dass das Auge des Tieres scharf abgelichtet ist. Wegen der schlechten Lichtverhältnisse muss ich mit offener Blende arbeiten, was bei einem 500mm Objektiv auf diese kurze Distanz eine extrem geringe Tiefenschärfe zur Folge hat. Ist das Auge des Modells unscharf, ist das Foto praktisch unbrauchbar. Dabei ist es egal ob man ein Tier oder einen Menschen fotografiert. Zufrieden setze ich Olli am Abend in Kusamo ab. Nun habe ich zu entscheiden wie ich den letzten Tag meines Finnlandaufenthaltes fülle. Ich kann nochmals an dieselbe Stelle zurückkehren wo ich heute mit Olli war, oder beim vorigen Standort, am Oulanka Nationalpark, mein Geraffel aufbauen. Dieser Ort ist eigentlich ideal. Dummerweise ist aber an den zwei Tagen, die ich hier gewartet habe, kein Adler aufgetaucht. Ich entscheide mich trotzdem für das Oulankaversteck. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich lege ein totes Eichhörnchen auf eine verschneite Wurzel ungefähr in fünfzehn Meter Entfernung vom Fotoversteck. Dahinter wächst ein Baum, den laut Olli die Adler zuerst anfliegen, um die Lage zu erkunden. Ideal, um von dort den Anflug auf das Hörnchen aufzunehmen. (Ich habe übrigens gefragt, woher Olli die Tiere hat. Ich war sehr erleichtert, dass es sich um sogenannte „Roadkills“ handelt, also Tiere, die im Straßenverkehr umgekommen sind. Das geistige Bild von geheimen Farmen, die unter schlimmen Bedingungen Lockfutter für Naturfotografen züchten, kann ich somit auflösen.) Etwas weiter rechts liegt das große Schwein, das die Tiere generell an den Platz locken soll. Ich habe also drei Möglichkeiten meine zwei langen Objektive auszurichten. Wieder eine Entscheidung. Ich richte meine Linsen auf den Baum und das Hörnchen. Dann warte ich. Ich lasse mich weder von den kleinen Vögeln noch von einem Eichhörnchen ablenken, um keinerlei verdächtige Bewegungen zu erzeugen. Ein aus meinem Blickfeld kreisender Adler könnte diese Sehen und auf einen Besuch verzichten. Den ganzen Tag passiert nichts. Kurz vor der Dämmerung ist er dann plötzlich da. Er kommt direkt aus dem Wald und landet auf dem Schwein. Beide Objektive zeigen munter in die falsche Richtung. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben und erst nach einer Minute, viel zu früh, versuche ich das Objektiv ganz ganz ganz langsam wenige Millimeter nach rechts zu bewegen. Da das Objektiv aber recht groß ist und mein Stativkopf nach dem Öffnen etwas ruckelt, scheint der Versuch unauffällig zu bleiben, gehörig zu misslingen. Als ich einen Augenblick später wieder durch die Glasöffnung blicke ist das Tier schon verschwunden. Jeder kann sich wohl denken was man in solch einem Moment fühlt. So ein großer Aufwand und in einem Augenblick ist alles vorbei. Jetzt weiß ich auch warum man immer von den „Adleraugen“ spricht. Ein gewisses Frustgefühl kann ich an diesem Abend, als ich mit dem Auto wieder Richtung Süden fahre, nicht unterdrücken. Ich übernachte nochmals in Lassis Fotoversteck im Niemandland. Doch die Hoffnung auf ein Rudel Wölfe am nächsten Morgen erfüllt sich nicht. Zeit zur Heimreise. Inzwischen hat es deutliche Plusgrade. Der Schnee ist von den Bäumen verschwunden und Flüsse und Seen sind wieder ziemlich eisfrei. Der eigentliche Winter kommt erst noch und ich freue mich, dass ich im kommenden Februar nochmals die Möglichkeit habe, die hier gemachten Erfahrungen in gute Fotos umzusetzen.

Hörnchentage 16.11.2009

Pünktlich um acht Uhr holt mich Olli vor dem Hotel ab. Wir fahren gemeinsam eine knappe Stunde weiter nach Norden an den Rand des Oulanka Nationalparks. Dieser schützt einen wunderbaren Flusslauf welcher sich durch tiefe Schluchten windet. Es ist heute spürbar wärmer als noch vor zwei Tagen im Süden. Ein leichter Nieselregen macht mir kaum Hoffnung auf schöne Winterbilder. Wir sind hier knapp unterhalb des Polarkreises. Die Tage sind nochmals kürzer. Olli hat sich auf Vogelbeobachtungen spezialisiert. Er führt Fotografen und Naturfreunde zu den Tieren im Wald. Wir fahren entlang des Oulanka Flusses bis es vor einem bewaldeten Hügel nicht mehr weiter geht. Mit dem Schneemobil sausen wir durch einen schönen alten Wald und je höher wir kommen, desto mehr weiße Pracht liegt auf den Bäumen. Zumindest hier oben ist es richtiger Winter, während unter uns träge der halb zugefrorene Oulanka Fluß durch tristes graues Einerlei fliest. Noch bevor wir beim Fotoversteck ankommen fällt Olli auf, dass keine Raben in der Nähe sind. Kein gutes Omen, denn wo tote Tiere liegen sind Raben und somit auch die Adler eigentlich nicht weit. Vor zwei Wochen hat Olli zusammen mit Lassi eine große Sau als Köder vor die Fotohütte gelegt. Alles ist eigentlich ziemlich perfekt. Die umliegenden Bäume stehen alle höchstens in dreißig Meter Entfernung. Egal woher die Adler anfliegen, hier gibt es formatfüllende Fotos. Olli platziert ein totes Hörnchen, das er mit einem Draht an einen unter dem Schnee liegenden Ast bindet, genau in die Einflugschneise. In Gedanken sehe ich die perfekten Adler-Anflugfotos schon vor mir. Die Frage woher Olli das Hörnchen hat, blende ich dezent aus. Man muss sich ja nicht mit aller Last dieser Welt beladen. In unmittelbarer Nähe der Fotohütte verstecken wir kleine Fettstücke und Nüsse in Baum- und Astritzen um kleinere Waldbewohner vor die Kamera zu locken. Ich bin kaum in der Hütte verschwunden und Olli ist mit dem lärmenden Schneemobil davon gefahren, da stürzen sie sich auch schon zuhauf auf die Leckereien.

Oulanka Nov- 2009-2  4634

Je kleiner die Vögel sind, desto schneller scheinen sie sich zu bewegen. Unglaublich wie schnell die von Ast zu Ast hüpfen. Drei oder vier Meisenarten kann ich erkennen. Die Graumeise und die Lapplandmeise kann ich sicher identifizieren.

Oulanka Nov- 2009-2  4629

Ich habe die Kamera auf 1600 ASA und komme, je nachdem wie hell die Umgebung ist, nur auf eine 200stel bis 400stel Sekunde Belichtungszeit. Damit ist ein Vogel im Flug nicht scharf zu kriegen. Aber ich darf mich wirklich nicht beschweren. Früher, als wir noch mit analogen Kameras fotografiert haben wären an solch einem grauen Wintertag kaum Aufnahmen möglich gewesen. Erinnert sich jemand an einen Film der bei 1600 ASA halbwegs ansehnlich war? Ich nicht. Ein Lob auf die digitale Technik. Zwei Buntspechte kommen zum Futterplatz. Ebenso ein Pärchen Unglückshäher und ein prächtiger Eichelhäher. Der Eichelhäher ist der körperlich Größte von Allen.

Oulanka Nov- 2009-2  4635

Er kann die Stimmen von anderen Vögeln imitieren. Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Sammler. Er legt Eicheln, Nüsse und Bucheckern unter Baumrinden ab und hat so das ganze Jahr über einen Vorrat. Viele der vom Eichelhäher vergessenen Depots sorgen für eine natürliche Ausbreitung der jeweiligen Baumarten. In der Forstwirtschaft spricht man von der „Hähersaat“. Die Stunden vergehen wie im Flug. Ständig flattern hungrige Piepmätze um mein Fotoversteck. Nur von den Adlern fehlt leider jede Spur. Kurz vor drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so dämmrig, dass ich meine Kameras zusammenpacke und den Unterstand verlasse. Ich lege eine große Schneeschaufel über das tote Hörnchen, um es nicht an einen später vorbeiziehenden Räuber zu verlieren. Das war wohl nichts. Zuerst fällt es mir gar nicht auf. Als ich am nächsten Morgen wieder Speck auf die Bäume verteile und meine Kameras auf die Stativköpfe schraube, sieht alles normal aus. Die Schaufel liegt genau an derselben Stelle wie gestern Abend. Nur das Hörnchen ist weg. Mir ist nicht genau klar wer der Dieb gewesen sein mag. Ich sehe keine Fußspuren im Schnee außer den meinen. Vielleicht war es doch ein Adler, der mir ein Schnippchen geschlagen hat. Schade, mein Traum vom Foto des anfliegenden „König der Lüfte“ auf seine natürliche Beute ist erst mal ausgeträumt. Wie zum Trost besuchen heute zwei lebendige Eichhörnchen den Futterplatz.

Oulanka Nov- 2009-2  4632

Was für putzige Tierchen. Die sind wirklich „süß“, wie sie mit ihren langen Ohren und großen Augen in die Welt gucken. Faszinierend wie sie kopfüber die Baumstämme rauf- und runterrasen und meterweit von Ast zu Ast fliegen.

Oulanka Nov- 2009-2  4633

Ein entspanntes Leben scheint es aber nicht zu sein. In ständiger Aufmerksamkeit nicht von ihren Fressfeinden entdeckt zu werden, wirken sie ziemlich gehetzt.

Oulanka Nov- 2009-2  4631

In Form der Adler sind die Fressfeinde aber auch heute wieder außer Reichweite. Zumindest solange ich bei ausreichend Tageslicht im Fotoversteck sitze. Einmal dachte ich in der Ferne den Schrei eines Adlers vernommen zu haben. Wahrscheinlich liegt irgendwo im Wald ein frisches Rentier, welches wohl reizvoller ist als das von Olli positionierte Schwein. Immerhin konnte ich in den vergangenen zwei Tagen einige Waldbewohner ablichten, die ich bisher gar nicht auf meiner Wunschliste hatte. Morgen fahre ich mit Olli zu einer anderen Location, irgendwo in Lapplands Wäldern. Zwei Tage bleiben mir noch mein selbstgestecktes Ziel vom tollen Adlerfoto zu erhalten. Geduld ist eine Tugend, die man in diesem Beruf ganz zwangsläufig lernt.

Entscheidungen 12.11.2009

Als Naturfotograf muss man ständig Entscheidungen treffen. (JA, in anderen Berufen auch!). Erst wenn es zu spät ist weiß man in der Regel ob es die Richtigen waren. Ich sitze mit meinem Kollegen Lassi Rautiainen in einem Fotoversteck im Niemandsland an der finnisch/russischen Grenze. Ob es die richtige Entscheidung war im November in den Norden Europas zu reisen, werde ich erst am Ende dieser Fotowoche sagen können. Das es nicht die optimale Jahreszeit ist, war klar. Die Tage sind saukurz und der Winter hat gerade erst begonnen. Mit Pech ist die Fotoausbeute gleich Null. Ich habe mich entschlossen das Risiko einzugehen. Für mein neues Projekt „Mythos Urwald- Europas wildes Erbe“ habe ich eineinhalb Jahre Zeit alle Themen und Bilder in den Kasten zu bekommen. Das hört sich erst mal gewaltig lang an, zerrinnt aber sehr schnell wenn man die geografische Größe und inhaltliche Tiefe dieser Aufgabe näher betrachtet. Als Fotoschwerpunkt habe ich dieses Mal die Adler ausgewählt. Mein Blick aus der schmalen Fensteröffnung der Fotohütte fällt auf eine erfreulich weiße Landschaft. Vor wenigen Tagen hat es geschneit und deutliche Minusgrade sorgen dafür dass es, zumindest im Moment so bleibt. Wir kamen gestern kurz vor Mitternacht hier an. Nach etwa einer Stunde hatte der kleine Ölofen das Versteck soweit erwärmt, dass das Atmen keine Nebelwölkchen mehr erzeugt. Kurz vor acht war es hell genug um die Kameras durch die Öffnungen zu schieben. Seitdem warten wir. Der gefrorene Sumpf vor uns ist bevölkert mit dutzenden von Raben die sich an den von Lassi ausgelegten Fischen und Schweinen festlich laben.

Niemandsland Nov- 2009  4294

Bären können wir keine erwarten. Die haben sich zum Winterschlaf in ihre Höhlen zurückgezogen. Auf was wir beide heimlich spekulieren ist das Rudel Wölfe, welches ich schon vor ein paar Monaten in dieser Region vor die Linse bekommen habe. Doch im Winter kommen die Tiere nur sehr unregelmäßig an dieselben Stellen zurück. Wohl auch deshalb, weil für sie angefrorene Kadaver keine wohlschmeckende Beute bedeutet und sie einen frischen Fang vorziehen. Deshalb halte ich meine Erwartungen möglichst gering um nicht allzu sehr enttäuscht zu sein. Worauf wir uns konzentrieren sind die fünf See- und Steinadler, die in ziemlicher Entfernung auf den Bäumen sitzen und von dort oben das Land überblicken. Obwohl mir ein 500 mm Objektiv zur Verfügung steht sind sie dort in den Wipfeln leider etwas zu weit weg um wirklich gute Bilder zu bekommen.

Niemandsland Nov- 2009  4293

Es ist erstaunlich wie sensibel die Raben und Adler auf Bewegungen reagieren. Schwenkt man das Objektiv etwas zu schnell, fliegen sie sofort zurück in den entfernten Wald. Während die Raben nach wenigen Augenblicken zu ihrem Essen zurückkehren, bleiben die Adler immer für längere Zeit verschwunden. Keiner der majestätisch anmutenden Vögel kommt an diesem Tag in Wunschreichweite. Das Wetter bleibt bis auf kurze Abschnitte weitestgehenst bedeckt. Um kurz nach drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so diffus, dass ich meine Bemühungen einstelle und das Objektiv in die Wärme der Hütte ziehe. Am kommenden Morgen das gleiche Bild. Die Adler sitzen auf den Baumspitzen und die Raben haben ein Festmahl. Von den Wölfen keine Spur. Gegen Mittag lösen sich die Wolken auf und eine tief stehende Sonne taucht die Szenerie vor uns in weiches Licht.

Niemandsland Nov- 2009  4295

Ab und zu fliegt einer der Adler runter zum Fleisch. Leider nur an das am weitesten entfernteste Schwein, so das auch in diesen Momenten keine Sensationsschüsse gelingen. Höhepunkt des Tages ist der Moment an dem sich zwei Adler auf denselben Ast setzen. Hier gelingt mir das einzige relativ brauchbare Foto. Wenngleich ich einen starken Ausschnitt nehmen muss um eine Bildwirkung zu erzielen.

Niemandsland Nov- 2009  4296

Am Abend gilt es neue Entscheidungen zu treffen. Ich berate mit Lassi wie ich die kommenden Tage am sinnvollsten füllen kann. Die Chance auf wirklich gute Adleraufnahmen aus geringerer Distanz ist hier an dieser Stelle minimal. Deshalb erzählt mir Lassi von einem Adlerpärchen weiter im Norden. Diese werden von ihm und einem Kumpel schon seit fast zehn Jahren angefüttert. Die Distanz zur Kamera beträgt nur dort nur zwanzig Meter. Ein paar Telefonate und eine Besprechung später ist der Plan klar. Lassi fährt in der Nacht zurück zu seinem Haus in Kajaani und ich verbringe eine dritte Nacht im Versteck um die Chance auf einen weiteren guten Fotomorgen zu bekommen. Das Erwachen ist ernüchternd. Der Himmel ist so grau – grauer geht’s wirklich nicht. Es wird auch gar nicht richtig hell. Ohne dass ich einmal auf den Auslöser gedrückt habe steige ich um elf Uhr ins Auto. Für die dreihundert Kilometer nach Kusomo brauche ich fast vier Stunden. Mit erschrecken stelle ich fest das es weiter im Norden weniger geschneit hat. Der Boden ist zwar weiß, die Bäume sind aber Schneefrei. Das ist der Fotokiller schlechthin. Denn ohne weiß auf den Zweigen sind Winteraufnahmen praktisch unmöglich. So langsam werde ich nervös. Doch noch möchte ich die Entscheidung für die Novemberreise noch nicht in Frage stellen. Immerhin habe ich noch viereinhalb Tage. Da kann noch viel passieren.

Wo Bäume sterben dürfen 22.09.2009

Für die Wanderung in das Naturschutzgebiet bei Elimyssalo hatte ich mir die Landkarte ziemlich genau angeschaut und dann so geplant, dass  ich eine möglichst gute Ausbeute an Fotos erstellen kann. Im Zentrum der Landschaft liegt ein etwa ein Quadratkilometer großer See,  der von einer Kernzone echten Urwaldes umgeben ist.  Die Karte zeigt am östlichen Seeufer auf einer Landzunge einen Schutzstand mit Feuerstelle. Vom Parkplatz aus hatte ich ca. 7 km zu laufen, um an diese Stelle zu kommen.  Da ich meine komplette Fotoausrüstung dabei haben wollte, packte ich neben einer Wasserflasche, etwas Brot und Käse nur noch meinen Schlafsack ein.  Eine Nacht auf hartem Untergrund sollten meine alten Knochen noch Aushalten. Übernachten musste ich, um dann am See zu sein, wenn die Chance auf das beste Licht am Größten ist. Auf der ganzen Tour bin ich dann keiner Menschenseele begegnet.

Elimyssalo 21-09  1713

Ich hatte den Wald, die Moorwiesen und den See für mich ganz allein.  Der Weg durchquert verschiedene typische Vegetationsarten dieser Landschaft.  Durch Moore läuft man über einen für die Besucher angelegten Steg, im Wald hat ein schmaler Pfad den Bodenbewuchs verdrängt.  Nach zwei Kilometern durchquert man das Gelände einer alten Farm, auf der bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Familie gelebt hat. Ihr hartes Leben in wilder Natur wird vorbeikommenden Wanderern mit Schautafeln erklärt und die renovierten Gebäude lassen ahnen wie der Alltag aussah bevor die Lebensmittel aus dem Supermarkt kamen. Das ist zumindest hier in der Taiga noch gar nicht so lange her. Erstaunlich ist, dass keine zwei Kilometer hinter dem ehemaligen Anwesen die Kernzone des Naturschutzgebietes beginnt, in der noch nie ein Baum gefällt wurde. Hier ist es regelrecht spürbar, dass die Kreisläufe intakt sind. Alle Arten durchlaufen hier ihren kompletten Lebenszyklus.  Bäume dürfen alt werden und sogar sterben, was den meisten ihr Artgenossen die im Forstwald wachsen, vorenthalten wird. Die Natur ist  einfach bezaubernd und ich wünschte ich hätte den Wortschatz eines Poeten, um dies in Worte zu fassen. Uralte Fichten mit langen Flechten an den Ästen säumen den Pfad.

Elimyssalo 21-09  1710

Flechten sind ein Erkennungsmerkmal von alten Bäumen, beginnen sie doch erst nach vielen Jahren zu wachsen. Für wildlebende Rentiere sind sie, besonders in den Wintermonaten, die wichtigste Nahrungsquelle. Wenn die Böden gefroren sind bleiben nur die an den Ästen hängenden Pflanzen zur Sättigung des Hungers. Wildlebende Rentiere waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Finnland durch die Jagd ausgerottet worden. Später wurden sie, ähnlich wie der Wolf, wieder über Russland kommend, auch diesseits der Grenze heimisch. Heute leben wieder viele Rentiere in den finnischen Wäldern, leider ist mir bisher keines begegnet. Das mag wohl auch daran liegen, dass gerade die Jagdsaison läuft und die Tiere wohl deshalb extrem scheu sind. Staunend laufe ich durch den Wald und glaube kaum meinen Augen zu trauen als ich auf große Haufen stoße, die mit allerlei Leben erfüllt sind. Haben sie schon mal Ameisenhügel gesehen, die größer waren als sie selbst?

Elimyssalo 21-09  1711

Zwei Meter hoch türmen sich regelrechte Ameisengroßstädte vor mir auf. Unzählige kleine Arbeiterinnen sind damit beschäftigt, Reisig und kleine Blätter in die oberen Etagen zu bringen. Ich denke es gibt kein vergleichbares menschliches Bauwerk, das vom Maßstab her mit diesen Riesentürmen mithalten kann. So etwas Großartiges kann nur über viele Jahre entstehen, in einer Umgebung, die intakt ist. Ich erreiche den See an einer kleinen Bachmündung die von einem Biber aufgestaut wurde. Überall ragen die für Biber typischen angeknabberten Baumstümpfe aus dem Boden. Die Oberfläche des Gewässers wird von starken Winden gekräuselt und ich hoffe insgeheim, dass sich dies bis zum Abend hin noch ändert. Zwischen der offenen Wasserfläche und dem Wald verläuft ein Moosteppich, der von unten mit Feuchtigkeit durchnässt ist. Es ist ein bisschen wie wenn man auf einem Wasserbett läuft. Alles schwankt und doch ist die Schicht stark genug, um mich zu tragen. Ich erreiche den Unterstand am frühen Abend. Das muss man den Finnen lassen. Ihre Raststationen sind tiptop. Eine Feuerstelle befindet sich direkt am Shelter und dahinter ein Schuppen mit fertig gesägtem Feuerholz und einer Biotoilette. Bevor ich mit der Kamera losziehe, um meine Abendlichtaufnahmen zu machen, bleibt noch Zeit mein Nachtlager vorzubereiten. Na ja, viel mehr als den Schlafsack ausrollen und meine Regenjacke als Isomatte zu benützen, bleibt nicht zu tun.  Der Unterstand ist nach vorne hin offen, so dass ich direkt auf die Feuerstelle und den See blicken kann. Das ist schon ziemlich idyllisch hier und so vergeht die Zeit bis zum Sonnenuntergang wie im Flug. Der Wind flaut erst ab, als ich längst am Feuer sitze und die absolute Stille dieser Landschaft genieße. Dann ist es plötzlich da, das Motiv auf das ich gehofft hatte. Die Silhouette der Bäume spiegelt sich perfekt im See und die letzten Wolken machen aus der Sache fast ein Kunstwerk.

Wo Bäume sterben dürfen  1713

Zufrieden lege ich mich in den Schlafsack, wenngleich es natürlich relativ robust zugeht und sich eine gemütliche Position nicht wirklich finden will. Zuvor lege ich nochmals ein paar Scheite aufs Feuer. Die geben mir zumindest beim Einschlafen das Gefühl all die Tiere fernzuhalten, die ich in den Tagen zuvor im Fotoversteck gar nicht nah genug haben konnte. Irgendwann schrecke ich mitten in der Nacht auf, es ist Neumond und wirklich stockdunkel. Im Halbschlaf höre ich ein Geheule und denke, dass meine Zeit nun gekommen ist. Es dauert einige Sekunden bis ich mir sicher bin, dass es sich eher um eine Gans als um ein Rudel hungriger Wölfe handelt. Ein ganz leichtes Unwohlsein bleibt bis sich der Schlaf wieder schützend über meine Gedanken legt. Der Wecker klingelt um fünf Uhr, es ist so unbequem, dass ich meinen Schlafsack gerne verlasse. Es hat wohl knapp über Null Grad. Ich schlüpfe in alle Klamotten, die ich dabei habe und freue mich, dass mein Blick auf eine absolut windstille Wasserfläche fällt, die von leichten Nebelschwaden durchzogen wird. Darüber schweben kleine Wölkchen, durch die vereinzelte Sterne blitzen.

Wo Bäume sterben dürfen  1715

So schön kann ein Tag beginnen. Als ich das nächste Mal bewusst auf die Uhr schaue sind fast vier Stunden vergangen. Auch wenn man kein Fotograf ist, sollte jeder Mensch zumindest einmal im Leben einen Tag in solch einer Wildnis beginnen. Um zu sehen und zu spüren wie einmalig schön diese Erde ist auf der wir leben dürfen. Sich wieder als ein Teil des großen Ganzen zu fühlen würde wohl keinen gleichgültig lassen. Die Gleichgültigkeit zu überwinden ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, dass zu erhalten was uns umgibt und uns ernährt.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

Von Familientreffen & Sauereien 18.09.2009

Finnland Nacht 9  1331

Meine Zeit im Fotoversteck hier im Niemandsland zwischen Finnland und Russland neigt sich langsam dem Ende entgegen. Während die zwei Nächte zuvor relativ unspektakulär waren und ich keine neuen Eindrücke auf die Festplatte bannen konnte, war dieser Abend wieder geprägt von wunderschönen Momenten. Es ist abermals das Wolfsrudel, das mich fasziniert und Szenen bereithält, die wie in einem Traum an mir vorbeirauschen. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden und zwei Bären schon seit einiger Zeit damit beschäftigt die bereitgelegte Sau fachgerecht zu zerlegen, als ich in der Ferne zwei hellgraue Punkte aus dem Wald kommen sah. Es scheint tatsächlich so, dass Wölfe eigentlich stolze Jäger, vom Instinkt her den schützenden Mantel der Dämmerung brauchen, um sich auf eine offene Fläche zu wagen. Zu tief sitzt wohl die Angst selbst zum Gejagten zu werden. Zwei Wölfe konnte ich beobachten, einer davon war wohl erst wenige Monate alt, wie sie auf die andere Seite des Sumpflandes rannten, wo sie von vier Anderen mit freudigem Schwanzwedeln herzlich begrüßt wurden. Es war eine rührige Szene wie sie sich liebevoll umtollten und abschleckten. Am besten kann man sich die Situation vorstellen wenn man weiß wie sich Hunde freuen können und da Wölfe eigentlich nichts anderes sind als die wilde Variante unserer domestizierten Haushunde gleichen sich die Abläufe doch sehr. Ähnlich wie eine Hauskatze praktisch dieselben Bewegungen macht wie ihre großen Verwandten, die Tiger.

Finnland Nacht 9  1332

Zwei der Wölfe haben sich etwas später näher an mein Fotoversteck gewagt was mir dann auch noch schöne fotografische Impressionen ermöglichte. An dieser Stelle muss man mal ein Hoch auf die digitale Fotografie aussprechen. Bilder wie diese wären früher, zumindest in dieser Qualität nicht möglich gewesen. Während bei einem Diafilm früher ab 800 ASA das Bild schon von starkem Korn geprägt war, lässt sich die Empfindlichkeit bei hochwertigen Digitalkameras locker auf 1600, 3200 oder 6400 ASA erhöhen und man bekommt immer noch eine ansehnliches Aufnahme. Bei atmosphärischen Motiven wie Wölfe im Dämmerlicht stört mich auch ein wenig Bildrauschen überhaupt nicht solange das Foto seine Emotionalität nicht verliert. Schnelle Bewegungen dürfen die Tiere bei solch einem Licht natürlich nicht mehr machen, sonst hat man keine Chance auf eine scharfe Abbildung.

Finnland Nacht 9  1333

An die Beute sind die zwei Wölfe aber nicht gelangt, der Bär hat den Kadaver resolut verteidigt. Was sich allerdings in der Nacht abspielt, das kann man nur erahnen. Zum Einschlafen höre ich die Geräuschkulisse von durch den Sumpf stampfenden Bären, knackender Knochen und tiefes Grollen, was auf reichlich Aktivitäten schließen lässt. Als ich morgens um fünf den ersten Blick aus dem Schlafsack wage, sehe ich im Schein des ersten zarten Dämmerlichts wie sich immer noch ein Bär am selben Platz herumtreibt. Später ist auch er verschwunden und mit ihm die Beute. Jetzt ist das Feld frei für dutzende Raben, die durch die überall verstreut liegenden Knochenreste immer noch reichlich Nahrung finden. Später frage ich Lassi woher er denn die vielen Schweine bekommt, mit denen er hier das Jahr über seine Bären und Wölfe anlockt. Das muss ja ein Schweinegeld kosten denke ich mir und bin umso überraschter als er mir erzählt, dass er sie vom Produzenten umsonst erhält. Das ist in erster Linie mal sehr erfreulich für Lassi, denn ich glaube wenn er dieses ganze Fleisch regulär kaufen müsste wäre die Sache mit der Tierfotografie wohl unbezahlbar. Als Skandalös empfinde ich aber den Grund, welcher ihm diese Großzügigkeit der Fleischer ermöglicht. In Finnland, und so wohl auch in der gesamten EU gibt es ein Gesetz, das es den Händlern verbietet, Ware zu verkaufen, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Vernünftig könnte man meinen; der Kunde soll ja keine verdorbene Ware zu sich nehmen. Fakt ist aber auch, dass das Fleisch bei Ablauffrist in der Regel völlig in Ordnung ist, und so allein in Finnland jedes Jahr Millionen Kilogramm beste Nahrungsmittel auf der Müllkippe bzw. im Verbrennungsofen landet. Man darf sich gar nicht vorstellen wie viel Tiere EU weit umsonst sterben, nur weil sie nicht rechtzeitig einen Abnehmer finden. Auf unserer Welt leben 6,5 Milliarden Menschen. Jeder siebte Mensch, der Abends ins Bett geht, tut dies mit einem Hungergefühl, weil er nicht genügend zu essen bekommt. Unsere Überflussgesellschaft subventioniert unzählige Produktionsabläufe, die oftmals am eigentlichen Bedarf komplett vorbei gehen. Das ist eine Schande, zeigt aber auch auf wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Zumindest ein paar Wölfe und Bären profitieren von diesem Irrsinn, was aber aus meiner Sicht ein schwacher Trost ist.

Finnland Nacht 9  1334

Die Mär vom bösen Wolf 14.09.2009

Manche Dinge haben sich über die Jahrhunderte so ins kollektive Gedächtnis der Menschen gesetzt, dass es wider besseren Wissen sehr schwer ist, sie zu korrigieren. Warum hat der Wolf bei uns so ein schlechtes Image? Schon im Märchen erzählt man den Kindern vom bösen Wolf, der die Großmutter gefressen hat. Das ist eigentlich dämlich, bleiben solche Bilder doch in den zarten Kinderseelen haften (also ich hatte als Steppke echt Schiss vor dem Wolf,  fast soviel wie vor der Hexe im Knusperhaus). Damit tut man seinen Artgenossen in der realen Welt wirklich einen Bärendienst. Mag sein, dass es im tiefsten Mittelalter, als Europa noch von dichten Buchenurwäldern durchzogen war, zu Konfrontationen kam, in der sich die Furcht vor den Raubtieren aufgebaut hat. Bekanntermaßen fressen Wölfe gerne neben ihrer natürlichen Beute wie Hirsche, Rehe und Hasen auch Schafe und andere Nutztiere was in den Zeiten von Prinz Eisenherz für die Menschen außerhalb der Burgen durchaus Existenzen bedrohen konnte. Doch wir Zweibeiner stehen und standen nie auf der Beuteliste. In den achtziger Jahren war der Wolf in Europa praktisch ausgerottet. Über die Jahrhunderte gefürchtet, gejagt und getötet. Dazu kommt, dass der Mensch die Wildnis Europas weitestgehenst in Kulturland und neuerdings in Industriebrachen verwandelt hat.

Finnland Nacht 5  1067

Da ist es umso erstaunlicher, dass die Wölfe langsam aber sicher in unsere Breitengrade zurückkehren. Selbst in Deutschland ist seit vielen Jahrzehnten wieder ein Wolfjunges geboren worden. In Finnland ist die Population inzwischen recht stabil, was den großflächigen Waldgebieten im Nachbarland Russland zu verdanken ist. Seit über hundert Jahren ist hier kein Mensch mehr durch einen Wolf zu schaden gekommen. Den meisten Ärger verursachen die Wölfe in Finnland bei den Rentierzüchtern. Die würden die lästigen Räuber doch zu gerne aus den Wäldern werfen, erbeuten sie doch jährlich einige hundert ihrer Tiere. Die Züchter werden vom Staat für jeden Verlust durch die Wölfe finanziell entschädigt. Doch die anfallende Arbeit und aufwendige Bürokratie schaffen wohl in diesem Berufsstand wenig wirkliche Wolfsfreunde.

Wölfe sind elegante Tiere die meist in Rudeln leben und ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben. Hört man einen Wolf heulen, so markiert er damit seine Reviergrenzen und hält das Rudel zusammen. Auf der Suche nach Beute können sie weite Strecken zurücklegen und so ist es nicht verwunderlich, dass ich nach fünf Nächten in meinem Fotoversteck das von Lassi beschriebene Wolfsrudel bisher nicht gesehen habe. Bis zu acht Tiere Leben im Rudel, das sich auf seinen Streifzügen immer mal wieder auch hier auf unserer Sumpfwiese im Niemandsland blicken lässt.

Eingeleitet wurde der sechste Abend, wie kann es auch anders sein, von Margarete, dem Bären mit dem gelben Knopf im Ohr. Zielstrebig lief sie aus dem Wald (ich habe übrigends keine Ahnung ob Margarete eine „sie“ ist) auf das von Lassis Sohn Sami ausgelegte Beuteschwein zu. Die „Beute“ wird mit einem Seil an einem freistehenden Baum befestigt, damit die Fotografen ein gutes Blickfeld haben, und die Tiere ihr Abendessen nicht gleich instinktiv in den geschützten Wald tragen. Tragischerweise ist aber genau das passiert. Mit Leichtigkeit schleppte der hungrige Bär den Kadaver die knapp hundert Meter an den Waldrand. Zwischen der ersten und zweiten Baumreihe konnte ich zwar noch alles erkennen, hatte aber eine weitere Entfernung und einige störende Bildelemente zwischen mir und der Szenerie. Was dann passierte war so überwältigend, dass ich nicht wusste ob ich mich nun am tollen Naturerlebnis berauschen sollte oder lauthals die Bärengötter verfluchen, die mir wohl eine der besten Aufnahmesituationen meines Lebens zumindest stark entwertet haben.  Bleibend sind auf jeden Fall die Szenen in meinem Gedächtnis und die Bilder in der Kamera, die mir mal wieder bewusst machten was für einen tollen Job ich mir da als Naturfotograf ausgesucht habe. Es dauerte einige Momente bis ich realisierte, dass dort in der Ferne drei Wölfe über den Sumpf gerannt kamen. Haben sie schon mal einen Wolf rennen sehen, wow was für ein toller Anblick. Zielstrebig liefen sie auf den Wald zu, in dem keine zehn Minuten vorher Margarete das Schwein deponiert hatte.  Für einige Momente waren sie im Dickicht verschwunden, um plötzlich wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Genau sechs Wölfe tummelten sich plötzlich um die arme Sau.

Finnland Nacht 6  1070

Das erste Bild, das ich bewusst wahrgenommen habe, waren vier Wölfe, die mit aller Kraft den toten Körper in kleine Teile zerrissen. Es ging drunter und drüber. Was erstaunlich war, ist die Tatsache, dass die zwei vom Körperbau wesentlich massiveren Braunbären plötzlich in die zweite Reihe verschwanden. Friedlich standen sie anbei und beobachten wie das Rudel ihre Beute verspeiste. Immer wieder habe ich vor mich hin rezitiert: „Bitte liebe Wölfe, tretet doch zehn Meter raus aus dem Wald. Dort wo ich euch sehen kann und wo das geniale Abendlicht euer Fell  goldgelb einfärben würde“. Die Sonne stand über dem Horizont, schöner hätte es nicht werden können. Doch sie blieben im Schatten der Bäume und verschwanden etwas später Einzeln und in Zweiergruppen in die schiere Endlosigkeit der finnischen und russischen Wälder. Erstaunlich war, dass drei von Ihnen ein fast weißes Fell besaßen und recht kräftig wirkten. Da sich die Wölfe den Großteil des Jahres auf russischem Territorium befinden gehen Lassi und sein Sohn davon aus, dass vor einigen Generationen zum weißen Alphaweibchen ein wilder Hund gestoßen ist, der hier seine Gene mit eingebracht hat. Wölfe gehören zur Familie der Hunde, so dass dies nun keine biologische Sensation bedeuten würde. Sicher ist man sich in der Familie Rautiainen über diese Sache nicht.

Finnland Nacht 6  1069

Liebe Wölfe, ihr habt in mir einen Fan gewonnen. Ich verspreche euch meinen Teil dazu beizutragen, dass die „Mär vom Bösen Wolf“ aus dem Gedächtnis möglichst vieler Menschen verschwindet und ihr auch im modernen Europa zumindest Inseln als Lebensraum behaltet.

Bärenparty & Morgennebel 12.09.2009

Stinklangweilig – sollte man meinen. Da sitzt unsereins in einem Holzkasten und starrt stundenlang auf dieselbe Szenerie. Es ist nun der vierte Abend und bisher war keiner wie der Andere. Besonders das Wetter und die damit verbundenen Lichtstimmungen machen einen Großteil des fotografischen Erfolges oder Misserfolges aus – auch und gerade in der Tierfotografie. Einfach nur einen Bären zu fotografieren der sich über eine von Menschenhand platzierte Beute beugt ist spätestens am zweiten Abend langweilig. Es kommt mindestens genauso darauf an das Umfeld in die Aufnahme mit einzubinden, und das wenn möglich noch in einer spannenden Lichtsituation. Hier hilft uns das nordische Wetter zur Zeit wirklich gewaltig. Während über den Tag hin eine dichte Wolkendecke über der Taiga lag, lösten diese sich zum Abend auf und ermöglichten ein tadelloses Abendrot. Dadurch wird das Zeitfenster in dem stimmungsvolle Fotos möglich sind um mindestens eine halbe Stunde erweitert. Bei Bewölkung legt sich allzu schnell tiefe Dunkelheit über das Land, sobald die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist. Nicht so heute Abend. Wenn das Licht warm und golden wird steigt die Spannung ob von den so sehnsüchtig herbeigesehnten Akteuren auch einer auftaucht.

Finnland Nacht 4  722

Auf Margarete ist verlass. Sie war die Erste die ihr gelbgepierctes Ohr aus dem Wald streckt. Gefolgt von einem etwas dunkleren Bären sind sie beide eine Weile in meiner Reichweite über die Sumpfwiese gelaufen. Immer wieder strecken sie ihre Nasen in die Luft, ihr Riechorgan scheint wohl besser ausgeprägt zu sein wie ihre Augen. Lassi hat auch auf der anderen Seite der etwa einen Quadratkilometer großen Sumpfwiese ein Fotoversteck aufgebaut. Was sich da etwas später abspielte war schon grandios, leider aber eine halbe Stunde zu spät zum Fotografieren. Es war nahezu Nacht, die klobigen Körper der Tiere aber noch gut zu erkennen. Neun Bären tummelten sich dort auf der anderen Seite. Jetzt wo es dunkel war, machten sie all die coolen Sachen. Es gab Hierarchiekämpfe, sie schwammen in dem Flüsschen das den Sumpf durchzieht und einige standen auf zwei Beinen was ebenfalls auf der Wunschliste eines jeden Tierfotografen steht. Ich liege schon lange im Schlafsack und die letzten Geräusche die ich im Halbschlaf höre sind die der großen Raubtiere außerhalb meines kleinen Kastens. Die Morgenstimmungen waren bisher immer wunderschön, doch heute ist es einfach grandios. Die Nacht war wieder recht kalt, so halte ich den Schlafsack bis zu den Schultern um mich geschlossen, als ich mich wieder auf meinem kleinen Schemel postiere um Ausschau zu halten. Die Party war leider vorbei. Bis auf ein Pärchen Krähen, die sich entweder bezirzend oder streitend durch die Luft wirbelten, war es absolut ruhig. Krähen sind kleiner als Raben und haben Grauanteile in ihrem Gefieder, während die Raben wirklich rabenschwarz sind. Gespenstisch zieht plötzlich Nebel auf, nur silhouettenhaft kann man mit zunehmendem Licht einige kleine Bäumchen erkennen die vereinzelt im Sumpf wachsen. Die Horizontlinie ist aufgelöst.

Finnland Nacht 4  723

Es ist eigentlich noch fast Nacht als ein einsamer Bär durch die Stille marschiert. Ich stelle die Kamera auf 6400 ISO, den höchsten Empfindlichkeitswert den sie zu bieten hat. Durch den Nebel und das Gegenlicht des anbrechenden Tages entstehen wirklich ganz einzigartige Bilder. Sicherlich haben diese eine gehörige Portion Bildrauschen, was ich bei einer reinen atmosphärischen Aufnahme aber gar nicht als so störend empfinde. Einmal guckt die Morgensonne kurz durch die Nebelschicht, so dass mir fast der einsame Wolf entgeht, der in ca 300 m Entfernung nachschaut was die Bären am Vorabend an Futterresten zurückgelassen haben. Ein Wolf, für mich das geheimnisvollste und schönste Wildtier das wir in unseren Breitengraden haben. Es ist geradezu ein erhebendes Gefühl zu sehen, wie er vorsichtig Meter für Meter über die Waldlichtung läuft.

Finnland Nacht 4  724

Leider kommt er nicht sehr nahe an mein Versteck, doch die Nebelstimmung und die lange Brennweite zaubern eine pastellfarbene Aufnahme die in mir vielerlei Emotionen auslöst und hoffen lässt, dass es weitere Begegnungen mit diesen scheuen Tieren geben wird. Für heute war es das, ich freue mich über die wunderschönen Momente die mir diese wunderbare Naturlandschaft ermöglicht.

Wildview läuft unter Wordpress 2.9.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates